Kulturhistorische Zinnfiguren

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Geschichte der Zinnfigur



Übersicht
Die Zinnfiguren lassen sich - um eine Ausdrucksweise Cäsars zu bemühen - in drei Arten unterteilen: Die flachen Zinnfiguren (im Englischen kurz flats genannt), die sogenannten „halb-plastischen“ Figuren und die „Vollplastischen“.

Allen gemeinsam ist, dass sie aus einer Zinn-Blei-Legierung gegossen werden, der meistens noch Antimon in geringen Mengen beigefügt wird und bei der das Zinn-Blei-Verhältnis je nach Typ variiert. Den höchsten Zinnanteil haben die flachen Zinnfiguren, bei den massigeren Figuren überwiegt jedoch in der Regel der Bleianteil, weswegen die halbplastischen Figuren auch gerne als die klassischen Bleisoldaten bezeichnet werden.

Sehen wir uns im Folgenden die einzelnen Figurenarten etwas näher an.

Die Flachfigur
Sie ist sicherlich die filigranste unter den Modellfiguren. Figürliche Darstellungen aus Zinn-Blei Legierungen lassen sich bis ins Altertum zurückverfolgen. Doch kann man die Geburtsstunde der Flachfigur ungefähr gegen Ende des 18. Jahrhunderts ansetzen. Hier kennen wir auch bereits einige Hersteller mit Namen. Die bekannteste und sicherlich auch künstlerisch ausgefeilteste Werkstätte dieser Epoche war der Familienbetrieb Hilpert.

Ihren Siegeszug trat die Flachfigur dann im 19. Jahrhundert an, als sie als Schachtelware zu einem klassischen Spielzeug dieses Jahrhunderts wurde. Parallel zu ihrer europaweiten Verbreitung, verschwand allmählich die Beliebigkeit in der Größe und es kristallisierten sich einige Standardgrößen heraus wie z.B. die Nürnberger Größe (knapp 30 mm) oder die Hannoversche Größe (ca. 40 mm).

Der Raum Nürnberg-Fürth entwickelte sich als das Hauptzentrum der Zinnfigurenproduktion des 19. Jahrhunderts, bekannt sind die Offizin (Zinngießerei) Allgeyer in Fürth und vor allem die Offizin Heinrichsen in Nürnberg, die drei Generationen lang den Zinnfigurenmarkt dominierte und in alle Länder Europas lieferte, unter anderem auch an den russischen Zarenhof. Rokoko-Figuren der Firma HeinrichsenEnde der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts stellte die Firma Heinrichsen ihre kommerzielle Produktion ein. Doch lassen auch heute noch die Erben immer wieder einige der besonders gelungenen Serien aus dem schier unerschöpflich Formenbestand abgießen. Abnehmer sind inzwischen allerdings nur noch die passionierten Sammler.

Ihre Funktion als allgegenwärtiges Spielzeug verlor die Zinnfigur in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Zum einen verlor angesichts der mörderischen Realität die spielerische Beschäftigung mit Armeen naturgemäß an Reiz. Da allerdings die Welt der Zinnfiguren schon seit je nicht nur auf Militärisches beschränkt war (so finden wir eine Vielzahl von Marktszenen, Bauernhofmotiven, Darstellungen von Expeditionen im historischen Zinnfigurenangebot), müssen noch weitere Ursachen hinzugekommen sein. Es mögen dies das Aufkommen anderer Werkstoffe sein (wie Blechspielzeug und erste Kunststoffe) sowie die zunehmende Verteuerung der Handarbeit. Die einzeln in Handarbeit gegossenen und bemalten Figuren konnten preislich kaum mehr mithalten mit fabrikmäßig hergestellter und bedruckter Ware wie z.B. das Blechspielzeug.

Gleichzeitig wurde die Zinnfigur künstlerisch und kostümkundlich perfektioniert. Wissenschaftliche Studien gingen den Entwürfen voraus, die Zeichnungen wurden von renommierten Künstlern entworfen und eine Reihe hervorragender Graveure setzte die Entwürfe mit allerhöchster Präzision und Detailgenauigkeit um. Die Zinnfigur wandelte sich vom naiven Spielzeug zum Sammelobjekt.

Diese Entwicklung setzte sich nach dem 2. Weltkrieg konsequent fort und hält bis heute an. Während derzeit nahezu dreihundert Hersteller ihre Figuren anbieten, sind jedoch in fast keiner Spielzeugabteilung eines Kaufhauses mehr Zinnfiguren zu finden.


Halbplastische Figuren
Die halbplastische Figur wird so genannt, weil sie zwar deutlich kräftiger modelliert ist als die Flachfigur, aber dennoch als aus einer Form im Stück gegossene Figur das Relieff nicht verlassen kann und daher die dritte Dimension nicht wirklich erreicht. halbplastische FigurenIhr Reiz liegt hauptsächlich darin, dass sie meist als fabrikmäßig hergestellte Form auf den Markt kommt, sodass der Erwerber sich damit seine Armeen, Tiergärten oder Bauernhöfe selbst gießen kann. Die Selbstgießformen erfreuten sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit und haben in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach einigen Jahrzehnten des Dornröschenschlafes wieder fröhliche Auferstehung gefeiert. Auch heute noch kann man sie in Spielzeugläden entdecken. Sicherlich ist die Angebotspalette nicht annähernd so breit wie bei der Flachfigur, aber der Faszination, mit wenig Vorkenntnissen und einer Handvoll irgendwo abgestaubtem Bleimaterial seine Figuren selbst zu gießen, kann man sich nur schwer entziehen. So könnte man wohl in manch einem Hobbykeller drei Generationen von Kindern zwischen sechs und sechzig beobachten, wie sie über einen Campingkocher gebeugt fasziniert auf das schmelzende Metall blicken.


Vollplastische Figuren
Diese Statuen en minature geben auch die dritte Dimension korrekt wieder. Um diesen Effekt zu erreichen, müssen sie aus Einzelteilen zusammengesetzt werden. Das heißt: ein vor den Körper gehaltener Arm wird vom Körper getrennt gegossen und anschließend (z.B. an der Schulter) angelötet oder mit einem Zweikomponenten-Metallkleber angeklebt. Nur so kann erreicht werden, dass zwischen Körper und Arm ein Luftraum besteht; bei lediglich aus zwei Halbformen am Stück gegossenen Figuren wäre dieser Raum mit Metall ausgefüllt, letztlich würde es sich also lediglich um eine, zwar stark ausgeprägte, Relieff-Figur handeln.

Die ursprüngliche Hochburg der vollplastischen Figur war Großbritannien. Doch auch bei diesem Hobby hat die Globalisierung Einzug gehalten. Bausatz einer vollplastischen FigurWir finden heute namhafte Hersteller außer in U.K. und USA auch in Frankreich, Spanien, Italien, Russland und nicht zuletzt bei uns in Deutschland.

Die klassische Standard-Größe der vollplastischen Figur betrug 54 mm. Da sich jedoch diese Figuren für Massenaufstellungen naturgemäß viel weniger eignen als die 30 mm Flachfiguren, sondern als künstlerisch gestaltete Einzelstücke in Vitrinen gesammelt werden, findet man Angebote in einer Vielzahl unterschiedlicher Größen.

Entstehung einer Zinnfigur
Wer sich mit dem Gedanken trägt, selber Figuren herauszubringen, sollte sich zunächst mit dem geschichtlichen Umfeld seiner geplanten Figur vertraut machen. Kostümierung und Ausrüstung sollten möglichst sauber recherchiert sein. Ein gewisses Maß an Kritik muss ein Herausgeber aushalten können, aber wenn man sie zu leichtfertig provoziert, verliert man schnell den Spaß an seinen Figuren. Oftmals wird es so sein, dass der Sammler sich für irgendein historisches Ereignis interessiert, es vielleicht sogar in einem Diorama darstellen möchte, und dabei feststellt, dass es einige der benötigten Figuren auf dem Markt nicht gibt.

Als nächstes ist der Entwurf zu fertigen. Bei der Flachfigur ist dies eine feine Strichzeichnung auf Transparent-Papier als Gravurvorlage, bei der vollplastischen Figur eine Originalskulptur (z.B. gefertigt in Milliput-Modellmasse).

Die Strichzeichnung für die Flachfigur muss nun seitenverkehrt (deshalb das Transparent-Papier) auf zwei gleichgroße und völlig glatte Steine (meist aus Schiefer) übertragen werden. SchieferformDann wird sie mittels Gravurwerkzeugen (Stichel) als Relieff in die Steine eingekratzt, wobei die beiden Hälften absolut passgenau sein müssen. Schließlich wird noch ein Eingusstrichter graviert sowie die Fußbrettchen.

Bei der vollplastischen Figur muss zunächst das Original vorsichtig zerschnitten werden, damit alle Teile für sich gegossen werden können. Von den Einzelteilen werden dann Abdrücke gefertigt, meist mit Silikon-Kautschuk, die nach dem Aushärten dann als Gussform dienen. Um ein sauberes Ausfüllen der Form mit flüssigem Metall sicherzustellen, wird bei vollplastischen Figuren zumeist das Schleudergussverfahren angewandt.

Die fertigen Güsse werden der Form entnommen und entgratet. Dies bedeutet, dass mit Hilfe eines scharfen Messers und einer kleinen Feile alle über die eigentliche Figur hinausgehenden Metallteile entfernt werden, so z. B. der Eingusstrichter sowie das in die Luftkanäle eingedrungene Metall.

Nun können die Figuren bemalt werden. Dabei empfiehlt es sich, zunächst mit einer matten Grundierfarbe (in der Regel: weiß) die gesamte Figur zu grundieren. Manche sparen allerdings bereits in dieser Phase die Partien aus, die später metallisch wirken sollen. Für die endgültige Bemalung werden je nach Geschmack und persönlichen Vorlieben die unterschiedlichsten Farben verwendet: Ölfarben, Wasserfarben, Acrylfarben, Modellbaufarben. Auch Mischtechniken sind nichts Ungewöhnliches. Zum Abschluss empfiehlt es sich, die Figur nach dem Austrocknen der Farbe noch mit einem Schlussfirnis zu versehen, um den Farbabrieb möglichst gering zu halten (bei der Verwendung von Wasserfarben „ein Muss“).

Kontakte
Auch die Zinnfiguren-Sammler haben sich in Vereinen zusammengeschlossen. Im deutsch-sprachigen Raum sind dies

  • die „Klio - Deutsche Gesellschaft der Freunde und Sammler kulturhistorischer Zinnfiguren e.V.“,
    die über mehrere regionale Untergruppierungen sowie etliche Arbeitsgemeinschaften verfügt und inzwischen über eine sehr informative Homepage verfügt 
  • die „Vereinigung Freier Zinnfigurensammler Nürnberg e.V.“
  • „Der Friedensreiter - Gesellschaft der Freunde kulturhistorischer Zinnfiguren e.V. Westfalen * Münster + Osnabrück“
  • „1683 - Gesellschaft der Freunde und Sammler kulturhistorischer Zinnfiguren“ in Wien
sowie eine Reihe örtlich begrenzter Vereine.



Bewundern kann man die Zinnfiguren in vielen Museen im In- und Ausland. Das größte und bekannteste Museum befindet sich in der Plassenburg bei Kulmbach. In Kulmbach findet auch im zwei-Jahres-Rhythmus eine internationale Zinnfigurenbörse statt, zu der Sammler und Hersteller aus aller Welt anreisen, weshalb man von Kulmbach auch vom „Mekka der Zinnfigurensammler“ spricht. Weitere sehenswerte Museen befinden sich (ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit) in Goslar, Rheinsberg, Gusow, Eberbach und in Zürich.

Treffen
Wer gerne einmal bei einem Sammlertreffen "reinschnuppern" möchte, hat dazu folgende Gelegenheiten

  • Klio Landesgruppe Südbayern
    jeden dritten Dienstag im Monat (ausgenommen Feiertage) im Vereinslokal "Bürgerheim", 
    Bergmannstr. 33 (Gollierplatz), 80339 München
    21. 09. 2010 - Vortrag Wolfgang Gaumert über die königlich bayerische Landwehr
    19. 10. 2010 - Vortrag Jürgen Künzel über einen Tag im annus mirabilis: Minden, 1. August 1759 mit Bildern von den Gedenkveranstaltungen 2009
    16. 11. 2010 - Jahresausstellung
    21. 12. 2010 - Vortrag Gerhard Rau mit Bildern über die Figurenschau "Herzog von Bayern"
    Ansprechpartner:    Vorsitzender
    : Dietmar Pinggéra, Achental Straße 32, 81671 München, Tel: 089/495384
     
  • Klio Landesgruppe Ostbayern
    jeden zweiten Samstag im Monat im Standortkasino Regensburg

    Ansprechpartner:   Helmut Gebelein,  Hofmarkstr. 3,  93083 Niedertraubling,  Tel: 09401/5582

  • Vereinigung Freie Zinnfigurensammler e.V. in Nürnberg
    jeden ersten Freitag im Monat
    jeweils ab 18.00 Uhr im Sammlerlokal "Zum Birkenhain" in Nürnberg, Richthofenstraße / Ecke Regensburger Straße

    Ansprechpartner:   
                                 1. Vorsitzender Jochen Wening,     Bahnhofstr. 38       90522 Oberasbach    Tel: 0911/693583
                                 2. Vorsitzender Günter Rehorst      Otto-Wels-Str. 2     90427 Nürnberg        Tel: 0911/3071890